Foto: Klaus Peter Hörenz

Chronik

 

Schon ein Jahr nach seiner Gründung, im Juni 2011, tritt der Experimentalchor „Alte Stimmen“ in kleiner Besetzung beim
33. Evangelischen Kirchentag in Dresden auf. Aufgeführt wird das Stück „Sie hören Nachrichten“, das zu tagesaktuellen Nachrichten Bezug nimmt und im Rahmen der „Politischen Nachtmusik“ in eine für Kirchentagsverhältnisse sehr experimentelle Mischung aus Talk, Lesungen und musikalischen Beiträgen eingebettet ist.

 

Im Herbst 2011 präsentiert sich der Chor im Rahmen der „Internationalen Stimmnacht“ erstmals öffentlich in Köln. Weitere Konzerte folgen im Frühjahr und Sommer 2012. Der Experimentalchor führt im Rahmen des Festivals ACHT BRÜCKEN der Kölner Philharmonie, gemeinsam mit Studierenden der Hochschule für Musik und Tanz Köln und Schauspielern des Schauspiel Köln, Ausschnitte aus John Cages Song Books auf.

 

2012 stehen in der Essener Philharmonie biographisch verankerte „Lebenslieder“ und ihre ganz persönlichen Geschichten im Mittelpunkt. Lebensgeschichten von Mitgliedern des Chores werden vertont. Essener Schüler befragen Bewohnerinnen und Bewohner von Seniorenheimen nach ihren Jugenderinnerungen und ihren Lieblingsliedern. Junge und alte Menschen, „In“- und „Ausländer“, alle haben ihre eigene Lebensgeschichte: Erinnerungen, Anklänge an eine vergangene Zeit, eine verloren gegangene und neu eroberte Heimat. Das Konzert erzählt diese Geschichten.

Die renommierte Kölner Dokumentarfilmerin Irene Langemann begleitet den Experimentalchor fast über das gesamte Jahr 2012 mit ihrer Kamera. Für dieses Produktion konnten die Sender SWR, WDR, und Arte sowie die Medienstiftung NRW gewonnen werden. In hoch emotionalen Bildern fängt die mehrfach für ihre Musikfilme ausgezeichnete Regisseurin das allmählich tastende Entstehen von Musik ein. Ihr Film erzählt exemplarisch die Geschichten von fünf Projekteilnehmerinnen und -teilnehmern aus dem „Alte Stimmen“ – Chor und aus einem Seniorenheim in Stuttgart, mit denen der Komponist Bernhard König Musik zu ihren Lebensliedern entwickelte. Der Kinostart „Das Lied des Lebens“ erfolgte im Januar 2013.

 

Höhepunkt des Jahres 2013 ist das Gipfeltreffen zwischen der „AG Neue Musik Grünstadt“ des Leininger Gymnasiums, Deutschlands „dienstältestem“, seit 1970 lückenlos existierendem Schulensemble für zeitgenössische Experimentalmusik, und dem Experimentalchor „Alte Stimmen“. In Schloss Engers in Neuwied treffen zwei der originellsten und ungewöhnlichsten experimentellen Laienensembles Deutschlands aufeinander. Für das gemeinsame Konzert haben sich die „Alten Stimmen“ und die Grünstädter AG mit Sprichwörtern und Redewendungen beschäftigt und daraus eigene Stücke entwickelt.

Zum Ende des Jahres 2013 kooperiert der Experimentalchor mit dem Wuppertaler TanzChor60+ und präsentiert die Performance “Blau tanzen. Rot singen“. Eine Farbe tanzbar machen, den Farbenrausch singen, das ist das Thema der Wuppertaler im Alter von 60 bis 78 Jahren. Die „Alten Stimmen“ singen Lebenslieder und geflüsterte Haikus, einen herbstlichen Jazzstandard und die kurzweilige „Phrasendreschmaschine“.

 

Jung und alt, auf und davon: Ein Reisemärchenliederprogramm für die ganze Familie. So wird die Aufführung aus dem Herbst 2014 betitelt, die der Experimentalchor gemeinsam mit einer Kölner Grundschulklasse erarbeitet. Mit den Kindern begibt sich der "Experimentalchor Alte Stimmen" auf eine Forschungsreise durch verschiedene Kulturen, Lieder und Geschichten. Diese alters- und kulturell gemischte Reisegesellschaft stößt auf mittelalterliche Pilger, arabische Gesänge erklingen und eine mordlustige Dame namens „Loreley“ wird präsentiert. Die Akteurinnen und Akteure haben sich eine abenteuerliche Reisegeschichte ausgedacht: Von einem Kölner Flohmarkt in die weite Welt und zurück.

 

2015 feiert der Chor sein 5-jähriges Jubiläum in Köln mit einem Programm aus alten und neuen Lieblingsstücken. Gleichzeitig verabschiedet sich Bernhard König aus dem Leitungsteam. An seine Stelle tritt der Komponist, Pianist und Chorleiter Simon Rummel.

 

2016 widmet sich der Chor in dem Projekt „Aber die Liebe bleibt“ dann einem „immergrünen“ Thema: Der Liebe, wie sie einem in zahlreichen Facetten im Laufe eines langen Lebens begegnen kann. Die Sängerinnen und Sänger erzählen dabei selbst erlebte Liebesgeschichten, singen Lieblingslieder über die Liebe, kontrastieren das Ganze mit experimentellen, den erzählerischen Faden weiter spinnenden Klangflächen und freier Bewegung von Klängen im Raum. Optisch wird das Projekt mit Overhead-Projektionen der Künstlerin Tina Tonagel gekoppelt.

 

In einem Chor, in dem das Alter der Sängerinnen und Sänger zwischen 60 und über 90 Jahren liegt, hat das Thema Zeit von Natur aus einer anderen Dimension als in einem Schulprojekt. Der Chor kristallisiert in 2017/2018 unterschiedliche Aspekte der Zeit heraus: rasende, bleierne, subjektive oder objektiv gemessene, Kairos und Chronos; Zeit in flüchtigen Aktionen, in langdauernden Improvisationen und natürlich in Liedern (Videoprojektion: Michael Korneffel ). Die Zeit hat eine Richtung: die gefallene Tasse zersplittert in Scherben, aber niemals fallen in unserem Universum die Scherben zu einer Tasse zusammen.

Wie schnell ist nichts passiert…

 

2019 kooperiert der Chor erstmals mit dem Ensemble für improvisierte und zeitgenössische Musik Partita radicale und unterschiedlichen Senioren-Gastensembles. Gemeinsam beschäftigen sich die Musikerinnen und der außergewöhnliche Chor mit dem Klang von Habitaten, in denen jedes Lebewesen seinen Platz und seine Nische findet. Es besetzt dort einen Frequenzbereich mit seiner Stimme, in dem sonst niemand spricht und in einem Rhythmus, in dem es gut gehört werden kann.

Diese Klangforschung mit Stimme und Instrumenten ist brandaktuell: Es geht um die Verminderung und das Verschwinden der Habitate von Tieren. Was allenthalben zu beobachten ist, gehen Musikerinnen und Chor über das Hören an. Was wird aus der „Sinfonie der Natur“, wenn die Lebensräume ihrer Bewohner verschwinden?

 

2021 Durch den abrupten „Stop“ in der Corona-Pandemie war es dem Chor auf lange Zeit unmöglich gemeinsam weiter zu proben, alle gehörten zur Hochrisikogruppe. Umso mehr freuten wir uns, dass in 2021 Proben in Präsenz wieder möglich waren und ein Jubiläum zum nun 11-jährigen Bestehen veranstaltet werden kann.

In diesem Projekt Silence werden ambivalente Erfahrungen von Stille und Verstummen musikalisch beleuchtet.

In den Konzerten wurden Teile der Song Books von John Cage, unter Einbeziehung von Elektronik, Objekten, Klangerzeugern und vielen unterschiedlichen Chorstimmen von Simon Rummel in einer Klanginstallation verarbeitet, die rund um das Publikum herum aus vier Lautsprechern gespielt wird. Kombiniert wird die Klanginstallation mit theatralen und vokalen Aktionen auf der Bühne: einzigartige Stimmen, elektronische und analoge Klänge eingebettet in Stille und das, was wir hören, wenn wir ruhig sind,.
Hinzu kommen ausgewählte Lieder aus 11 Jahren intensiver Chorarbeit, die die vielen Aspekte von Stille, Einsamkeit und (akustischer) Verbundenheit beleuchten. Das Gedicht einer Choristin wird ebenso gesungen, wie Kompositionen von Schubert, Funny van Dannen oder Simon & Garfunkel.

Leitung: Ortrud Kegel, Querflöte, Improvisation. Alexandra Naumann, Arrangement. Chorleitung; Simon Rummel, Komposition, Klavier, Klanginstallation. Als Gäste sind eingeladen: Radek Stawarz, Geige; Stefan Schönegg, Bass; Holger Werner. Klarinette.
G
leichzeitig zur Premiere erscheint eine Jubiläumspublikation über 11 Jahre "Experimentalchor Alte Stimmen".

 

2022 bis heute: Aufgrund seines Umzugs an einen neuen Probenort (die frisch renovierte und klanglich hervorragende Stephanuskirche in Köln Riehl), beteiligt sich der Chor nun regelmäßig an Feierlichkeiten im Rahmen der Gemeindearbeit. Zudem werden neue Lieder zu einem Programm mit dem Arbeitstitel „Vom Sinn und Unsinn des Lebens" einstudiert (Aufführung in 2025).

 

Als Jahresprojekt für 2024 steht zudem eine intensive Auseinandersetzung mit der Musik der Komponistin Pauline Oliveros und ihrem Werk „environmental dialogue“ an. Der Experimentalchor Alte Stimmen geht hierzu aus dem Konzertraum hinaus und hinein in unterschiedlich klingende Räume in Köln: in ein Café, eine Kirche, das Planetarium oder die leerstehende Kölner Melanchthon-Akademie kurz vor dem Abriss. In diesen unterschiedlichen Räumen führen sie das Stück „environmental dialogue“ der US-amerikanischen Komponistin Pauline Oliveros auf. Das Stück besteht aus einer meditativen Handlungsanweisung, Klänge der Umwelt wahrzunehmen, sie vokal zu verstärken oder aufrecht zu erhalten. Dabei wird das Bewusstsein für die Resonanzen der unterschiedlichen Räume gesteigert. Auf sehr sensible und hochkonzentrierte Art klingen Raum und Sänger*innen gemeinsam. Statements des Chors führen zusätzlich wie ein roter Faden durch die verschiedenen Räume. Filmemacher Uwe Schorn dokumentiert den Prozess in Musikvideos. Diese werden am 1. Dezember 2024 im Filmforum NRW im Museum Ludwig zusammen mit einer Live-Performance von „environmental dialogue“ präsentiert werden.